Lass uns bloß abhauen aus dem Puff hier
Frank Lehmann wohnt hier nicht mehr.
2004 erklärte Sven Regener, „Neue Vahr Süd“ nicht verfilmen lassen zu wollen. Zu lang und komplex sei der Roman über die Wehrdienstzeit des Frank Lehmann. Das ist heute Schnee von gestern.
Von Thompson
Regisseurin Hermine Huntgeburth wagt sich an das Projekt, die Dreharbeiten starten im April in Bremen. Grund genug, durch das Ostertorviertel zu flanieren. Was ist geblieben von den Plätzen der Lehmannschen Jugend?
Ein graues Haus, braune Fensterrahmen zum Ostertorsteinweg hin, die weissen Vorhänge sind aufgezogen. Hier war es, war sie. Das Chaos, die WG. Zweite Heimat der Frank Lehmann, nachdem er der elterlichen Vahr im Halbzwist den Rücken kehrt. Das Programmkino im Erdgeschoss existiert immer noch. Daneben der Eingang, die schwere Tür schwingt auf. Im Buch stinkt es jetzt „nach Urin und Schimmel“ und „das Licht im Treppenhaus funktioniert nicht“. Mir leuchtet die Deckenlampe den Weg über saubere Stufenberge, frisch gebohnert, der Duft von Putzmittel und, irgendwo, Linsensuppe. Kein Kratzen am Schloss, kein hektisches Verstummen in der zweiten Etage. Ich klopfe dreimal, Bremer Recht. Niemand öffnet. Stille, nichts passiert. Frank Lehmann wohnt hier nicht mehr.
Zurück auf der Straße, brüllt mir die Sielwallkreuzung entgegen, der Ort, „wo immer die Junkies herumlungerten“. Jetzt, am frühen Nachmittag, anderes Klientel: Studenten, Mütter, Anzugträger. Die Zehn rumpelt vorbei, schneidet dabei einen Rettungswagen. Durch diesen stickigen Moloch feiert und stolpert sich Frank Lehmann, immer ein bisschen abwesend, nur dabei statt mittendrin. Ich bestelle Börek im Tandour. Zu „Pita mit Gyros und Krautsalat“ beobachtete Frank Lehmann gerne die „Mischung aus erwartungsfroher Aufgekratztheit beim einen und stumpfer Resignation beim anderen Teil des Publikum“. Heute gähnt der Laden, ein alter Mann mit Brille löst Sudoku, das TV zeigt Eurosport, es gibt Pom-Döner. Draußen ziehen Werder-Fans vorbei. Am Abend steigt die Europa League, ein Wettbewerb, der 1980 noch Europapokal der Pokalsieger hieß. Die Zeiten haben sich geändert. Der alte Mann bezahlt, das Tandour ist leer. Frank Lehmann speist hier nicht mehr.
"Quer über das kleine Rasenstück zu laufen und am anderen Ende über die kleine Hecke zu springen"
Fünf Minuten später und hundert Meter weiter stehe ich am Körnerwall. Frank Lehmann hatte an gleicher Stelle die fixe Idee, „quer über das kleine Rasenstück zu laufen und am anderen Ende über die kleine Hecke zu springen“. Dabei stürzt er dramatisch und betritt reichlich ramponiert das Storyville, eine verrauchte Kneipe im Souterrain. Die Hecke ist noch da, dornig zäunt sie das hufeisenförmige Grün ein, in dessen Mitte eine marmorne Statue thront. Ich nehme den sicheren Weg und stehe vor dem Calavera. Eine schwere Eisenpforte versperrt den Weg hinab, Doors open 23.00 Uhr steht da, und: Feiern für Fortgeschrittene. Das kleine Sichtfenster ist verspiegelt, die Farbe abgewetzt, ein Totenkopf-Logo ziert das im Wind schaukelnde Metallschild. Trostlos wirkt das. Das Storyville ist weg und Frank Lehmann auch.
Der Zahn der Zeit hat an allem genagt. Das Litfass wird nicht mehr mit sz geschrieben und der alte Waschsalon schimpft sich Schnell & Sauber. Ob es das anatolische Restaurant Dubrovnik jemals gab? Immerhin, das Why Not wird wiederbelebt. Im heutigen Moments, eingeklemmt zwischen Dönerbude und Sonnenstudio, mit einem Reminiszenzabend. Frank Lehmann sah damals „eine Disco der eher düsteren Art“ mit „lethargischem Publikum“. Weil das Moments heute unter Viertelgängern keinen guten Ruf genießt, droht eine Disco der eher leereren Art ohne Publikum. Viel Publikum beehrt derweil die Bürgermeister-Smidt-Schule, gezwungenermaßen. In die Aula folgt Frank seinen KG-Freunden, dabei interessiert ihn das pseudopolitische Theater recht wenig. Er will nur die kleine Sibille treffen. Ich treffe auf einen hässlichen Plattenbau, bunte Graffiti zieren die vergilbte Front, und ein abgerissenes Poster fordert: Internationale Solidarität statt Volksgemeinschaft. Agitation in der Globalisierung. Frank Lehmann würde mit den Schultern zucken.
„Lass uns bloß abhauen aus dem Puff hier.“
Nochmal zurück im Viertel, biege ich rechts ein, hoch zum Deich. Hier langweilt sich Frank „in einer größeren Ansammlung von Punks, die teils sitzend, teils liegend auf die nächtliche Weser hinausstarrten, hinüber zu den Bootsvereinen auf der anderen Seite oder was immer sonst es war, Schiffe fuhren jedenfalls keine“. Kalte, klare Luft friert heute über die leeren Hänge, feuchtes Gras, Resttau, auf dem Fluss treibt ein großer Ast, das Wasser ist in der Mitte aufgewühlt und in Ufernähe ganz glatt, ein Schwarm Enten rast vorbei, dann ein Jogger – keine Schiffe. Die Bootsvereine am Südufer sind Schrebergärten gewichen, die Weser ist geblieben. Nur Frank sitzt hier nicht mehr und niemand ist mehr Punk. Am Ende von „Neue Vahr Süd“ sagt Frank Lehmann über Bremen: „Lass uns bloß abhauen aus dem Puff hier.“ Er fährt nach Berlin. Seine Jugend hat er mitgenommen.
