Fährenfahrt durch Chiles Fjorde

Chilenische Fjordlandschaft
Von Puerto Montt aus im Süden Chiles möchte ich mit einer Fähre der Navimag durch die spannenden Fjorde des Landes schippern – noch weiter Richtung Südpol bis nach Puerto Natales. Da es jedoch Winter ist, wird die Fahrt etwas stürmischer als erhofft…
Von Nadine Bresinsky
Die Fahrt an sich soll nur drei Tage dauern, doch schon bald wird klar, dass wir länger brauchen werden: aufgrund schlechter Wetterverhältnisse verzögert sich allein die Abfahrt um einen halben Tag. Doch so können wir uns wenigstens in Ruhe mit dem Schiff und der Mannschaft vertraut machen. Im Morgengrauen geht es dann endlich los. Die wunderbarste Landschaft zieht an meinen Augen vorbei: Berge auf beiden Seiten, mit Schnee und Raureif überzogen. Ein eisiger Wind weht mir ins Gesicht, scheint von alten Seefahrer-Legenden zu erzählen. Mit jeder Welle kommen wir dem Südpol ein Stück näher!
Der Winter macht es dem Schiff jedoch nicht so leicht. Bevor wir die Teilpassage über das offene Meer antreten, kommt wieder ein Gewitter und wir müssen die Nacht in einer Bucht verbringen.
Dann beginnt der spannendste Teil der Fahrt: der offene Pazifik liegt vor uns! Ganz langsam ziehen sich die Berge zurück und neugierig dürfen wir die Ausfahrt ins Meer von der Brücke aus beobachten. Doch leider kommt es anders als gehofft: Noch ein Gewitter baut sich vor uns auf. Die Wellen überspülen den Bug, lassen weiße Gischt in die Luft fliegen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, mutig manövriert der Kapitän sein Schiff in die Schlacht. Und eine Schlacht wird es tatsächlich: acht Meter hohe Wellen schütteln uns so richtig durch, ich werde seekrank. Alles um mich herum erwacht zum Leben, die Schranktüren, Betten, Koffer, Taschen – während ich selbst mich in meinem Bett kaum bewegen kann. Bei jeder neuen Welle ächzt das Schiff vor Anstrengung. Es hebt und senkt sich, denkt ernsthaft darüber nach, zu kippen! In diesem eisigen Wasser würde ein Mensch nur zwei Minuten überleben … Nichts anderes füllt mehr meinen Kopf… Da ist nur noch der Gedanke, bitte nicht mit diesem Schiff unterzugehen…

Dem Südpol näher: Puerto Eden
Doch dann, nach langen 14 Stunden Todesangst wird es endlich wieder ruhig um uns. Das Gewitter liegt hinter uns und der Pazifik auch. Völlig gerädert krieche ich aus meiner Kabine, suche frische Luft. Alle anderen Passagiere sind ebenso gezeichnet von den letzten Stunden. Geschichten, Gerüchte, Tatsachen machen die Runde. Eine Fähre von der Größe wie unsere überlebt Wellen von bis zu zehn Metern, nicht mehr. Das war knapp… Wer sich danach fühlt, sucht den Frühstücksraum auf, die anderen bleiben draußen an Deck und wärmen sich in der Sonne. Die scheint, als wäre nie etwas gewesen. Sie erleuchtet die schneebedeckten Bergketten um uns herum, während Delfine ihr Spiel mit den Wellen treiben. Ein wunderbares Szenario, das von unserer Ankunft im kleinen Hafen Puerto Eden noch übertrumpft wird. Auf einer Miniinsel leben hier an die 200 Menschen und die Fähren der Navimag sind so ziemlich die einzige Verbindung zum Rest des Landes. Personen werden ausgetauscht, Post, Lebensmittel und andere wichtige Dinge.
Irgendwie scheinen auch wir beim Anblick der kleinen, bunten Holzhäuschen neue Energie tanken zu können. Die Schrecken des Gewitters rücken in die hinterste Ecke des Gedächtnisses, vor uns liegt nur Natur, Schnee, Wasser, stumme Einsamkeit… Der letzte Teil der Fahrt plätschert förmlich vor sich hin, genügend Zeit, um sich im unglaublichen Anblick von Chiles Welt hier im Süden zu verlieren. Man meint, mit dem immer näher rückenden Südpol verändert sich die Luft, das Licht… Die Farben werden weicher, die Berge niedriger – bis wir endlich den Hafen von Puerto Natales erreichen. Schade, jetzt hatte ich mich gerade an das Schiff gewöhnt…!