Karneval in Köln – hinkommen, reinkommen, durchkommen

Die feierwütige Menge in Köln
11.11, 11:11 Uhr, das Spektakel nimmt seinen Lauf. Mit dreifachem „Alaaf!“ wird der Kölner Karneval eröffnet. Bis in den Februar regieren Kostüm, Kamelle und Kater die Domstadt. Wer mitjecken will, braucht starke Nerven – und Rat von einem, der den Wahnsinn überlebt hat.
Von Thompson
Ein Karnevalsbesuch empfiehlt sich im Februar zur Weiberfastnacht. Wir haben das ICE-Abteil drei Monate vorher gebucht und reisen für komfortable 52 Euro (Rückfahrt inklusive) dem Treiben entgegen. Wir, das meint ein feierwütiges Hamburger Quartett, Sonnenbrille auf der Nase, Koffer in der Hand, Vorfreude im Herzen. Am Rheinufer angekommen, geht es via Straßenbahn nach Kalk. Check-In ins Hotel König. Die reservierten Doppelzimmer sind nicht royal, mit 22,50 pro Person und Nacht dafür umso günstiger. Regel 1: Geld ist im Karneval Gold wert, die Unterkunft muss primitivsten Ansprüchen genügen. Tut sie. Noch sind wir flüssig. Eine Zimmeruhr tickt. Die Ruhe vor dem Sturm.
Wir werfen uns in Schale, genauer: in weiße Maleroveralls. Edding, Tape und schwarzer Zylinder runden den improvisierten Aufzug ab. Originell ist was anderes, doch Regel 2 lautet: Schräg angeguckt wird hier, wer normal aussieht, Verkleidung ist Pflicht. Es schlägt zwölf, die Nacht ruft. Wir antworten mit raschem Aufbruch. Der KVB platzt aus allen Nähten. Gedränge gehört zum Karneval wie Podolski nach Müngersdorf. Zwei Monroes halten kichernd Büttenreden. Am Zülpicher Platz schwappt der Mob an die Luft. Es geht los!

Die improvisierte Pflichtverkleidung
Die besondere Stimmung des Kölner Karnevals ist schwer in Worte zu fassen. Ein euphorisches Gefühl, ein Fieber, das grassiert und die Leute schwitzen, tanzen, lachen, schreien, kumpeln lässt. Wir robben ins Müller-Leidenscheidt, eine Eckkneipe an der Kreuzung zur Bismarckstraße. Ein Elvis schreit Gandhi an, da tanzt Kaiser Franz, die Beatles grinsen, am Fenster steht ein trauriger Clown, Afroperücken reichen bis an die niedrige Decke. Der Ventilator wälzt mühsam die kochende Luft. Ich ordere Kölsch. Regel 3: Immer für den Anhang mitliefern, auf keinen Fall Alt oder Pils bestellen, nur Stange und nie Flasche sagen. Die Domstadt konkurriert mit Düsseldorf, Vokabeln sind wie geheime Codes. Wer ihrer nicht Herr ist, macht sich unbeliebt. Am Eingang pöbelt ein Spaßvogel den Türstehern mit „Helau“ entgegen. Wir schmunzeln, die alteingesessene Menge schüttelt den Kopf. Der Freak kommt hier nicht mehr rein, soviel ist klar. Kölle Alaaf – lang lebe Köln – sonst nichts! Im Mittelalter war das einst Trinkerruf, und um der Tradition willen trinken wir, rufen wir, schleppen uns in die nächste Kneipe, der Morgen ist weit weg.
Neun Stunden später ist der Morgen da. Ein Freitag, motto- und zwanglos. Wir singen schlimme Karaoke im Key West und gehören fast dazu. Regel 4: Unbedingt mitgröhlen, Textvertrautheit egal, besser laut als schön. Gassenhauer und karnevalistische Evergreens gibt es genug. Wir haben uns vorab in die obligatorischen Höhner, Bläck Fööss, Loss mer fiere, sogar Domstürmer reingehört. Zwei Händepaare danken es uns mit Applaus.
Vom samstäglichen Geisterzug, der die traditionellen Festsitzungen stört, kriegen wir wenig mit. Nicht schlimm, so der Tenor. Am Tulpensonntag dann erstmals Straßenrand, Kamelle fangen vom Veedelszöch, dem Zug der Schulen, Stadtteile und Stammtische. Zu Hunderten segelt die süße Kost ins Publikum, ich strecke mich, springe in die Luft. Über meinem Kopf klebrige Toffees, Bonbons, Konfekt, Luftschlangen, Lakritz. Regel 5: Kamelle nur vom Zug in die Menge und nicht andersrum, Kinder haben Vorrang, wildes Nachjagen ist verpönt. Überzuckert jetten wir wieder nach Zülpich, nochmal große Nacht. Zwischen Hohenstauffenring und Kyffhäuserstraße sind alle Gassen abgesperrt, Restaurants werden zu Diskos, Cafés zu Clubs. 500 Meter Party, das Herz des Karnevals. Unser Vierer choreographiert sich durch Das Ding, steppt in der Flotte auf den Tischen, schafft den Durchbruch im Umbruch, kölscht im Magnus, im Piranha, im Borsalino, und trudelt nach dem Venus-Keller glücklich aus. Viva Colonia!

Belastungsprobe für die Biertische
Der Rosenmontag gehört dem großen Umzug. Zentrum, Altstadt, Heumarkt. Mehr als eine Million Menschen säumen die Straßen, wir sind dabei. Meterlange Tapeziertische drohen unter ihrer Bierlast zusammenzubrechen. Die Trucks sind prächtig geschmückt, kreativ und bunt oder kritisch-politisch: Angela Merkel kuschelt sich an Obama, Berlusconi grinst in Übergröße. Ah, Déjà-vu, den Wagen kenne ich doch? Richtig! Die drei besten Fahrzeuge vom Sonntag werden prämiert und dürfen auch heute starten. Blasmusik dröhnt mir auf die Ohren, meine Füße schwellen pochend, die Beinarbeit fordert ihren Tribut. Ohne festes Schuhwerk wäre schon Schluss. Plötzlich erwischt es meinen Nebenmann, eine Biene Maja drückt ihm die Lippen auf – gebützt! Bützen bedeutet knutschen und ist dem Jeck sein Hobby im Karneval. Ohne Hintergedanken, mit Frohsinn, dazu Regel 6: Mund ja, Zunge nein.
Wenig später ist alles vorbei. Heiser sind wir, kaputt, pleite. Der Veilchendienstag präsentiert die Nubbelverbrennung, kleine Sünden werden in Zettelform auf einer Strohpuppe verbrannt. Am Aschermittwoch beschließt das Fischessen den Karneval. Unser Trupp sitzt da freilich schon längst im Zug gen Heimat und schwört auf Regel 7: Einmal Jeck, immer Jeck! Köln, wir kommen wieder. 2010, als Ghostbusters.