Kauderwelsch in China: Eine Reise mit der Sprache
Von Verena Hägler

Typische Strassenszene von Pingyao
Eine Individualreise durch China ohne Chinesischkenntnisse ist witzig. Es braucht Mut und Lust zur Improvisation, auch etwas Geduld. Aber es bringt eben eine Menge Spaß. Unser Gefühl vor der Reise war: China zu bereisen ohne jegliche Sprachkenntnisse oder lokale Guides, wird ziemlich anstrengend werden. Wie soll das gehen, Zugfahrkarten und Bustickets selbst zu besorgen, ohne irgendwelche Zeichen zu kennen und ohne eine Sprachmelodie im Ohr zu haben?
Vor Ort dann fühlte sich das anders und weitaus weniger hilflos und verloren an: Der eingepackte Sprachführer erwies sich als sehr hilfreich, vor allem wenn wir auf die Übersetzungen zeigen konnten (Berlitz Sprachriegel: „China-Riegel“). Chinesisch funktioniert ja ganz anders als europäische Sprachen. Es ist tonal aufgebaut – in fünf unterschiedlichen Tonhöhen – und die Bedeutung der einzelnen Wörter ergibt sich aus dem Kontext. Wie ungewohnt und fatal dies für Ausländer ist, merkt man an kleinen Begebenheiten. So habe ich den Taxifahrer gebeten, an der Kreuzung zu halten, indem ich die Lautschrift aus dem Sprachführer nachzusprechen versuchte. Es kam wohl etwas heraus wie: „Seife Winter Himmel wohnen blau?“. Denn: Jedes Wort hat je nach leicht veränderter Aussprache und je nach Kontext eine vollkommen andere Bedeutung. So hat man kaum eine Chance, etwas auf Anhieb richtig auszusprechen und einen sinnvollen Satz zu formulieren. Andererseits führt das zu wirklich sehr charmanten Begegnungen. Kein Wunder, dass mein Taxifahrer nur schallend lachte und bat, das Buch sehen zu dürfen. Um dann wortreich irgendeine Begebenheit zu erzählen, obwohl ich bedauernd den Kopf schüttelte und versuchte, „Bu minbai!“ zu sagen. (Ich verstehe nicht!)

Warteschlange in Pingyao
Mit Beijing als unserer ersten Station auf unserer ersten Chinareise wurden wir unerwartet ins kalte Wasser geworfen: Obwohl Beijing Hauptstadt ist und die Olympiade bereits ein Jahr zurück liegt, spricht dort immer noch kaum jemand einige Wörter Englisch. Übrigens im Gegensatz zu vielen anderen Ortschaften, die wir bereist haben. Dadurch blieb uns nichts andres übrig, als sehr schnell die Zahlen, Wochentage und Monate und die wichtigste Gerichte zu lernen und zugleich zu versuchen, den Sprachführer aktiv einzusetzen. Natürlich ist ein richtiges Gespräch so nicht möglich, aber der Kauderwelsch bringt einem die Menschen näher – und er bringt einen auch meist ans Ziel: ein Fahrrad ausleihen, das gewünschte Essen bestellen, Geld in einer Bank abheben, ein Bahnticket mit Sitzplätzen für den Morgenzug kaufen, den richtigen Busbahnhof finden, den Minibustarif zur Chinesischen Mauer auf angemessenes Niveau herunterhandeln… Dies alles geht, solange die Angesprochenen lesen können.
Den ersten Sprachführer hatten wir auf der Chinesischen Mauer verloren. Im Foreign Languages Bookstore in Beijing fanden wir glücklicherweise Ersatz: das „Mandarin Phrasebook“ aus der Reihe der Lonely Planet Phrasebooks und das „Collins Mandarin Phrasebook“. Wobei ersteres uns irgendwie angenehmer war in der Anwendung.
Je weiter wir reisten und dann doch zwangsläufig auf die Lonely-Planet-Route einschwenkten (Beijing – Shanhaiguan – Datong – Wutai Shan – Pingyao – Xi’An – Souzhou – Shanghai), desto leichter wurde die Verständigung, da immer mehr Menschen ein bißchen Englisch konnten und bereits etwas auf Reisende aus dem Ausland eingestellt waren. Trotzdem „sprachen“ wir chinesisch so oft es ging. Denn aus der Notwendigkeit der Verständigung wurde eine Möglichkeit, als Reisender Respekt und Interesse am Land und an den Menschen zu zeigen.