Sehnsucht nach sich selbst

Solo Reisen - zwischen Angst und Abenteuer
Es gibt sicher kaum Menschen, die das Reisen nicht als etwas Positives empfinden. Doch kaum jemand findet es normal, allein für mehrere Wochen ins Unbekannte aufzubrechen. Nur man selbst und der Rest der Welt da draußen, was ist das für ein Gefühl!
Von sbk
Auch ich gehöre zu der Spezies jener Leute, die es gern ohne jede Begleitung in die Fremde zieht, am liebsten noch in die Stille der Natur. Denn gerade allein kommen einem viele Gedanken. Gedanken über sich, was war und was kommt, und was zum Teufel man mitten in einem Wolkenbruch ohne einen trockenen Fetzen am Körper drei Tagesmärsche vom letzten rettenden Dach entfernt eigentlich so tut.
Was treibt einen Menschen dazu, sich derart physisch und vor allem psychisch buchstäblich auszusetzen? Wo ist der Herdentrieb, das Bedürfnis nach Sicherheit, das tröstende Gefühl der Gemeinschaft bei solchen Individuen wie mir geblieben?
Ich möchte an dieser Stelle gar keine abschließende Antwort geben, jedoch einmal auf den oft verschwiegenen Zwiespalt von Allein-Reisen aufmerksam machen. Was mir nämlich mitunter fehlt in den Gesprächen über den Sinn der ganzen Unternehmung, sind auch die kritischen Töne der Sehnsüchtigen. Ich kann da lediglich aus meinen Erlebnissen und Erfahrungen berichten, als Betroffener quasi. Sicher ist es nachher spannend oder vielleicht gar romantisch, von unglaublich intensiven Momenten oder einzigartigen Erfahrungen des letzten Trips zu berichten, um zu spüren, um es zu verstehen, zu begreifen, dieses: “Ich lebe!”.
Doch alles hat seinen Preis, auch diese Sehnsucht lässt sich nicht gratis erfüllen. Sich selbst wirklich zu erfahren, sich lebendig zu spüren in jeder einzelnen Faser, sich wach und bis zum Äußersten konzentriert, offen zu erleben, bedeutet für mich mindestens, einen furchtlosen Umgang mit der eigenen, individuellen Persönlichkeit zu pflegen. Geben wir es ruhig zu: es kostet eine ganze Menge Zweifel, viel robuste Gelassenheit, ziemlich viel naives Vertrauen in die Mitmenschen und die Natur, Erfahrung im Umgang mit Problemen und Momente voller Angst. Und jetzt das wirklich Unangenehme: Erst das Zulassen dieser Angst, quasi ihr natürliches Vorkommen im Solo – Reisen, ist der Schlüssel zur Erfüllung der Sehnsucht nach persönlicher Intensität.
Jeder, der längere Zeit allein unterwegs war, weiß um diese Angst, weiß: die zu Hause hatten ja recht! Man weiß nicht weiter, fühlt sich allein und ist es im Augenblick auch. Zugleich weiß man aber auch, hier und jetzt sitzt eben nicht jeder, hier gibt es noch etwas zu entdecken, hier ist die Freude über eine unerwartete Mahlzeit oder ein scheues Lächeln noch grenzenlos. Ich habe es wiederholt kaum fassen können, wie nahe doch eigentlich Glück und Verzweiflung bei einander wohnen.
Ein letzter Punkt in dieser ganz persönlichen Spannung zwischen äußerer Einsamkeit und innerer Erfüllung scheint mir noch bedeutsam. Es wird oft von Alleinreisenden übergangen, wie egoistisch diese Sehnsucht eigentlich ist – die Suche nach dem ganz eigenen Erleben der Welt. Damit ist sicher nicht gemeint, dass ich es falsch finde, sich ein eigenes Bild von der Welt zu machen. Ganz im Gegenteil, ohne die individuellen Erfahrungen meiner Solo-Touren würde ich heute wohl ganz anders, und sicher weniger an meine Mitmenschen und ihr Sorgen denken. Aber auch wenn ich dankbar für alle diese Erfahrungen bin – ebenso sehr dankbar bin ich mittlerweile für die große Nachsicht und die geduldig unterdrückten Ängste derjenigen, die mich immer wieder ziehen lassen, obwohl ich Ihnen sehr nahe bin. Zu ihnen jedoch eines Tages zurück zu kehren, erfüllt sie erst – die Sehnsucht nach sich selbst.
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