Von Ä nach B: Äthiopien ohne Auto bereisen – geht das?
von sbk
Alltag im äthiopischen Nahverkehr...
Morgens, kurz nach fünf Uhr. Die aufgehende Sonne schält die ersten Umrisse aus der Dunkelheit. Häuser, Obsthändler, Laster und verschlafene Schulkinder treten blinzelnd in den Dunst eines neuen Tages. Die Warteschlangen formieren sich. Lange Reihen müder, fröstelnder Menschen stehen an den verschlossen Eingängen zur ersehnten Mobilität, flankiert von werbenden Taxifahrern. Erwachen an den Terminals des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs in Äthiopien.
Wer dieses faszinierende Land auf eigene Faust bereisen möchte und wem entweder das nötige Kleingeld oder der Mut für eine Teilnahme an der Rallye Paris-Dakar fehlen, der sollte sich wohl nach Alternativen zum Mietwagen umsehen. Lasse ich die Fahrrad-Variante aufgrund ihres Expeditionscharakters außer acht, bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten: der inländische Flugverkehr und der öffentliche Transport mit Bussen aller Art.
Fliegen ist natürlich nicht ganz billig, allerdings spricht einiges dafür: Die angebotenen Linien verkehren in der Regel zwischen der Hauptstadt Addis Abbeba und allen größeren Städten des Landes. Die Zeitersparnis ist gerade in den abgelegenen Regionen enorm und die kleinen Propellermaschinen erscheinen auch nicht unsicherer als anderswo. Flugangst ist zwar immer berechtigt, doch die stoische Gelassenheit zumindest der Einheimischen bei Luftlöchern und heiklen Manövern scheint unerschütterlich.
Neben Vertrauen in das Schicksal und die Statistik braucht es unbedingt auch Gelassenheit, wenn es um die Verlässlichkeit des Transports in Äthiopien geht! Es kann passieren, dass man drei Tage hintereinander zum Flughafen fährt und die Maschine kommt nicht oder fliegt nicht, ist schon voll oder unterliegt anderen Irrtümern. Zum Beispiel einer kaputten Uhr oder dem mit Kreide an einer Tafel ausgeschriebenen Flugplan. Ein gültiges Ticket führt zwar fast immer irgendwann zum Flug – aber nicht unbedingt dann, wenn es geplant war.

Ein flexibler äthiopischer Timetable
Mit Gelassenheit lässt sich übrigens auch die Fortbewegung mit dem öffentlichen Busverkehr recht gut überstehen. Hier sind allerdings noch verschiedene Aspekte zu beachten. Vor allem gibt es ständig zu wenige funktionierende Busse, Fahrer oder Benzin. Das hat erstens eine zahlreich wartende und konsequent drängelnde Meute zur Folge, die bei Sonnenaufgang von einem mitunter korrupten Team an Chauffeuren, Platzverkäufern und Dienstleistern aller Art ziemlich chaotisch in klapprige Vehikel verfrachtet wird. Die Regel Nummer eins lautet daher: Niemals einen erreichten Sitzplatz verlassen! Zweitens folgt aus dem chronischen Bus-Mangel, dass nur unter vollständiger Auslastung los gefahren wird. Wer sich also auf eine angegebene oder versprochene Abfahrtszeit eingestellt hat, darf nicht enttäuscht sein, wenn der Bus in der Hitze des Mittags immer neue Runden um den Dorfplatz dreht, um potentielle Mitfahrer zu erwischen. Die finden sich tatsächlich früher oder später, auch wenn es eine mürrische Alte mit Horden verschiedener Nutztiere ist. Hier hilf Regel Nummer zwei: Rechtzeitig und mit ausreichend Proviant am Terminal sein!
Abschrecken lassen sollte sich von dieser strukturellen Ausgangslage jedoch niemand. Ja, es geht! Mit viel Geduld, einem robusten Magen und keinerlei Paranoia kommt man immer in der nächsten Stadt an, wenn nicht heute, dann eben morgen. Das gemeinsame Ausharren in den rostigen Gefährten hat auch etwas sehr Verbindendes und mit einem verschwitzten Lächeln sowie herumgereichten Tüten gerösteter Samen sorgt man für viel Sympathie. Und darum geht es doch letztlich beim Reisen: dass man teilnimmt am alltäglichen Leben in einem entfernten Land und die Freude und die Sorgen der Menschen vor Ort kennen und verstehen lernt. In Äthiopien fehlt es vielleicht an vielem – aber es bleibt genug, was man miteinander teilen kann. Auch wenn es nur ein Sitzplatz ist.